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Belletristik Lieblinge in 2027 - 2026 - Buchhandlung und Verlag Bornhofen in Gernsheim am Rhein

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unsere Belletristik-Lieblinge in 2026:
Ralf Schwob empfiehlt: Zhang Yueran: Schwanentage

Kindermädchen Yu Ling mag den kleinen siebenjährigen Jungen, auf den sie aufpassen soll, sehr.  Deshalb soll er auch gar nicht merken, dass der Ausflug, den sie mit ihm unternimmt, eigentlich eine Entführung ist. Eine Entführung, die von Anfang an unter keinem guten Stern steht: Erst haben sie einen Autounfall und dann läuft ihnen auch noch ein Schwan zu, den der kleine Junge unbedingt mit nach Hause nehmen möchte. Am Abend erfährt Yu Ling, dass die schwerreichen Eltern des Jungen verschwunden sind: Der Vater ist wegen Korruptionsverdacht in Haft und die Mutter hat sich ihrer Verhaftung durch Flucht entzogen.

Sie kehrt mit dem Jungen ins große Elternhaus zurück, weil sie nicht weiß, wie sie mit der völlig unerwarteten Situation umgehen soll. Alle Versuche, den Jungen zu seinen Großeltern zu bringen, scheitern. Schließlich taucht auch noch eine fremde Frau auf, die behauptet, die heimliche Geliebte des Vaters zu sein, und sich weigert, wieder zu gehen. Offenbar sucht sie etwas in dem Haus, das von großer Bedeutung für sie ist …

Der Roman der chinesischen Autorin Zhang Yueran ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen erzählt er eine dramatische Geschichte auf unaufgeregte, fast lakonische Art und Weise. Zum anderen spiegelt sie literarisch einen Teil der chinesischen Gegenwart, der uns im Westen nicht oft vor Augen geführt wird: nämlich den Klassismus der reichen chinesischen Oberschicht und im krassen Gegensatz dazu den Alltag der weniger privilegierten Dienstboten und Kindermädchen.

Ecco Verlag, 978-3-7530-0111-1, € 24,00
Lidia Jorge: Die Stunde der Nelken

Nelkenrevolution? Natürlich hatte Ana Maria Machado schon davon gehört. Sie war schließlich die Tochter von Antonio Machado, Journalist und Zukunftserklärer – der damals dabei war und dessen Wohnung angefüllt ist mit Erinnerungsstücken. Aber damit beschäftigt hatte sie sich nicht, was soll schon so besonders sein daran und so wichtig? Sie war daran gewöhnt, aus aktuellen Kriegen zu berichten, sich so richtig ins Geschehen zu stürzen. Ein Stapel Briefe von damals überzeugt Ana Maria schließlich davon, sich des Themas anzunehmen, aus ihren Recherchen soll ein Beitrag für die CNN entstehen. Sie nimmt Kontakt zu zwei Kommilitonen auf und zu dritt machen sie sich daran, die Revolutionäre von damals zu interviewen. Sind die ganz unterschiedlichen Darstellungen irgendwie in Einklang zu bringen? Und was ist von dieser weltweit einzigen friedlich verlaufenden Revolution übriggeblieben?

Lidia Jorge ist eine großartige Autorin. Sie erzählt, eingebunden in eine kluge Rahmenhandlung, dass es nie nur eine Sicht auf die Dinge gibt, sondern dass jeder seine ganz eigenen Schlussfolgerungen zieht. Dabei setzt sie durch die Wahl ihrer Erzählstimme auch einen Spot auf die Nachgeborenen, die gar nicht wissen, was damals geschah. Und denen das eigentlich auch egal ist. Lidia Jorge gehört der Revolutionsgeneration an – in diesem Buch lotet sie aus, was davon im Portugal von heute noch Gültigkeit hat.

Secession Verlag, Übersetzung: Marianne Gareis, 978-3-96639-143-6, € 32,00

Driss Chraibi: Die Zivilisation, Mutter!

Klein und schmächtig ist sie, und sie weiß genau, was sie will - die Mutter in diesem Roman. Sie wurde mit vierzehn verheiratet und hat sich viel selbst erarbeitet, im wahrsten Sinne des Wortes selbst erarbeitet: Nicht nur das Kohlebecken, mit dem sie kocht, ist von Hand gefertigt! Sie lebt die Traditionen und mit der Erfindung „Strom“ brauchen die beiden Söhne ihr gar nicht kommen. Als die beiden ein Radio installieren, erzählen sie, dass sie einen „Zauberer“ nach Hause eingeladen haben. Und der erzählt nun den ganzen Tag von der großen weiten Welt. Langsam öffnet sich die Tür in ein ganz anderes Leben – sanft und nachhaltig aufgestoßen von den Söhnen …

Der Autor Driss Chraibi nimmt uns mit hinein in eine marokkanische Familie. Wir lesen vom traditionell gelebten Alltag und dem Kulturclash, den schon der Schulbesuch der Söhne verursacht. Und wir erfahren, wie viel Wissen verändern kann, auch wenn man es relativ spät im Leben erlangt. Dabei legt der Autor seinen Schwerpunkt darauf, wie die Mutter (die die Hauptperson ist, auch wenn die beiden Söhne erzählen) sich Stück für Stück ein eigenes Leben aufbaut und dabei auch andere mitreißt. Das alles ist mit köstlichem Humor geschrieben und es bleibt viel Raum für die eigene Fantasie. Dieser Roman aus dem Jahr 1972, der gerade in deutscher Übersetzung erschienen ist, ist eine echte Entdeckung.

Unionsverlag, Übersetzung: Helgard Rost, 978-3-293-71053-5, € 14,00

Gabriele von Arnim: Der Trost der Schönheit – Eine Suche

Zwischen das Novembergrau mogelt sich ein bunter Blätterstreifen – und Gabriele von Arnim, die ihn entdeckt, freut sich. Und wundert sich über diese Freude, die so unangemessen scheint im Corona-Winter. Aber: ist es nicht genau dieses frohe Gefühl beim Anblick von Kleinigkeiten, welches uns überhaupt zu Menschen macht? Können wir leben ohne den Schal, der uns so gut gefällt? Ohne den Spaziergang am Lieblingsort? Ohne das freundliche Nicken der Person, die uns gerade entgegenkommt? Natürlich können wir das. Nur nicht so gut. Schönheit wahrzunehmen, wahrnehmen zu können, stärkt uns, und wenn es nur ein kleines -bisschen ist. Das kleine Bisschen, das uns trennt von der großen Verzweiflung, denn sind wir doch ehrlich, es gibt gerade wirklich viel Schreckliches auf der Welt.

Das Buch trägt den Untertitel „Eine Suche“ – und das scheint mir fast noch wichtiger zu sein, als der eigentliche Titel. Denn um die Wichtigkeit von guten Momenten wissen wir, aber warum wir uns oft gleichzeitig schlecht fühlen, das wissen wir nicht. Dafür braucht es einen genaueren Blick, eine große Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Gabriele von Arnim lässt uns Leser:innen an ihrer Suche teilhaben. Und ich freue mich über jede Erkenntnis und fühle mich gestärkt und getröstet, einfach „nur“ dadurch, dass ich das lesen und darüber nachdenken kann.

Rowohlt Verlag, 978-3-499-01185-6, € 14,00

Perry Chafe: Sommer auf Perigo Island

Bernie, Pierce und Thomas sind Freunde seit dem Kindergarten. Diesen Sommer bessern sie ihr Taschengeld damit auf, den Fischern zu helfen; nach den Ferien werden sie in die weiterführende Schule auf die Hauptinsel Neufundlands gehen. Nicht nur die Aussicht, viel Zeit mit dem Ekel Ross Cole im Bus verbringen zu müssen, macht den dreien zu schaffen. Auch der Wechsel an sich, von der winzigen Grundschule auf ihrer Heimatinsel Perigo Island auf die weiterführende Schule ist eher ein Drohbild als ein Grund zur Freude. Als das Mädchen Anna nicht aufzufinden ist – Anna, die Pierce vor drei Jahren aus einer brenzligen Lage heraushalf und klug und stark ist -, machen sie sich, gemeinsam mit Bernies Cousine Emily, auf die Suche. Ob der Eigenbrötler Solomon Vickers, der erst vor kurzem auf die Insel gezogen ist, etwas mit Annas Verschwinden zu tun hat?

In ruhigem Erzählton und großer Liebe zum Detail entführt uns der Autor Perry Chafe auf eine kleine Insel vor Neufundland, mitten hinein in eine Welt im Umbruch. Denn nicht nur für die kleine, junge Gemeinschaft ändert sich in diesem Sommer viel – alle auf der Insel haben mit Veränderungen zu kämpfen. Wir Leser:innen sind mittendrin, und auch wenn Chafe eher gradlinig erzählt: man kommt nicht umhin, mitzufühlen. Coming-of-Age ist nicht mein Lieblingsgenre. Aber das hier ist ein Lieblingsbuch.

Mare Verlag, Übersetzung: Claudia Feldmann, 9783866487208, € 24,00

Saša Stanišić: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne

An einem heißen Tag treffen sich in den Weinbergen bei Heidelberg vier Jungs. Sie kommen aus aller Herren Länder und wohnen in der sterilen Neubausiedlung, in der die Sommer besonders unangenehm sind. Fatih erzählt von seiner genialen Idee: Er möchte einen „Proberaum“ erfinden, in dem jede:r 10 Minuten Zukunft ansehen kann – um danach zu entscheiden, ob man in diese Zukunft „einloggt“, damit sie tatsächlich zur Realität wird. Keiner seiner Freunde – darunter der vierzehnjährige Saša, das Alter Ego des Autors – hat Gegenargumente, alle sind begeistert, was eigentlich noch nie vorgekommen ist. Denn ihre Leben sind, bei aller Gemeinsamkeit, doch sehr unterschiedlich und ihre Ansichten auch.

Was ist Zukunft? Können wir die Weichen selbst stellen? Wie sind Menschen miteinander verbunden und wie beeinflussen sie sich? Mit diesen Ideen spielt das ganze Buch. Alle Kurzgeschichten hängen durch die Personen in irgendeiner Form zusammen, das verstärkt auch die Frage, was das Menschsein eigentlich ausmacht.

„Bitte der Reihe nach lesen.“, das hat Autor Saša Stanišić seinem Band mit Kurzgeschichten vorangestellt. Was ungewöhnlich ist, denn in Anthologien kann man sich eigentlich schön „rauspicken“ worauf man gerade Lust hat, das mach‘ ich auch manchmal. Aber ich bin ja eine zuverlässige Leserin – wenn Autor:in mir fürs Lesen einen Auftrag erteilt, dann komme ich dem nach … Und bin, so im Nachhinein, sehr froh über diesen Leseauftrag, die vorgegebene Reihenfolge eröffnet spannende Ideen zum Weiterdenken. Das ist ein echt cooles Buch, das auch noch sehr entspannt zu lesen ist.

Verlag btb, 978-3-442-77541-5, € 14,00

Marina Schwabe: Rift

Sechs Monate. Das ist die Lebenszeit, die die Ärztin Janko noch gegeben hat. Janko, der nie ganz gesund war und ein echter Nerd außerdem. Selbstgenügsam. In der Kindheit war er oft die wichtigste Bezugsperson für Zuzanna – in der kleinen Wohnung und später auf dem großelterlichen Hof. Damals hatten sie sich eine Reise durch die USA vorgenommen, von New York nach Seattle, vom Atlantik zum Pazifik. Es gibt Listen und Karten und ein kleines Notizbuch, die sind nicht ganz so alt wie der ursprüngliche Wunsch. Nun kommen sie zum Einsatz: Zuzanna und Janko machen in seinen letzten Monaten genau diese Reise. Ihre Ersparnisse plus Jankos Haushaltsauflösung reicht genau für fünfzehn Dollar pro Tag. Wenn sie gut haushalten, in billigen Motels übernachten, selbst kochen, ein günstiges Auto mieten, dann könnte es reichen. Aber schon bei der Ankunft in New York läuft es nicht wie geplant. Und überhaupt, wie lange bleibt Janko reisefähig?

Unaufgeregt und prägnant lässt Autorin Marina Schwabe ihre Protagonistin Zuzanna erzählen: Vom Reisen, wenn der Alltag die geschwisterlichen Bande mehr oder weniger belastet. Vom Erinnern, das ja immer auch sehr persönlich ist und eben nicht gleich, auch wenn man vermeintlich dasselbe erlebt hat. Vom Abschiednehmen, im Kleinen wie im Großen. Und von der Liebe, die immer da ist, aber eben nicht alles in Kauf nimmt. Das ist ein großes, schmales, wahrhaftiges Buch, das uns Leser:innen lange beschäftigt – gerade weil das Unvermeidliche, Jankos Tod, nicht schöngeredet wird und es trotzdem ungemein liebes- und hoffnungsvoll ist.

Steidl Verlag, 978-3-96999-492-4, € 24,00

Benjamin Wood: Der Krabbenfischer

Thomas Flett ist Krabbenfischer. Sein Großvater hat ihm alles beigebracht, was er wissen muss, niemand kennt die Gezeiten und das Leben am und vom Meer besser als er. Aber ob er das sein Leben lang machen kann, weiß er nicht, es sind die sechziger Jahre und Meeresschutz steht nicht oben auf der Prioritätenliste der Regierung. Und sein Leben wird noch eine ganze Weile dauern, er ist erst Anfang zwanzig. Auch wenn er sich fühlt wie Anfang sechzig. Aber das ist ja bei seiner Mutter genauso, für die er mitsorgen muss: auch sie ist frühzeitig gealtert. Jeden Tag zieht Thomas ins Watt, manchmal auch zweimal, weil der erste Fang zu klein war fürs Überleben. Kann er sich ein anderes Leben vorstellen? Nein. Und doch gibt es da sein geheimes Gitarrenspiel und die vielleicht noch geheimere Zuneigung zu Joan, der Schwester seines einzigen Freundes. Und dann kommt eines Tages Edgar Acheson ins Cottage – und erzählt von einem Filmprojekt …

An nur zwei Tagen spielt dieser großartig erzählte Roman. Zwei Tage voller Trostlosigkeit und Aufbruch, voller immer gleicher Handgriffe und unterdrückter Sehnsüchte; und doch ist das in Summe alles andere als trostlos und deprimierend. Denn Benjamin Wood schreibt in seine Geschichte eine Hoffnung hinein, die bestehen bleibt, auch als sich Edgar Acheson als ganz anderer Mensch entpuppt, als er zu sein scheint. (Ich finde auch das Cover super – alles daran spiegelt den Inhalt wieder, ist mein Eindruck!)

Dumont Verlag, Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence, 978-3-7558-0061-3, € 24,00

Saskia Luka: Lass uns noch bleiben

Anna hält sich aufrecht. Mit dem täglichen Gang in ihren Pflanzenladen und dem Kaffee mit Nachbar und Antiquar Henning. Richtig leben kann sie gerade nicht, denn ihre Freundin Vinka ist ohne ein Wort gegangen. Neben dem (großen) Liebeskummer stellt sich die Frage, wie sie ihre Wohnung wird halten können ohne zweite Mieterin. Durch Zufall wird Alex Mitmieter – Alex, der eine kleine Bar hat und freundliche Worte für jeden. Alex, der manchmal einen Kinderwagen schiebt und bei ein paar Halbstarken Hausaufgabenbetreuung macht. Die Planung sieht vor, dass sie sich wenig bis gar nicht sehen: Anna kommt am Abend nach Hause, wenn Alex schon weg ist und bis er wieder zurück ist, schläft sie schon. Irgendwann funktioniert das aber nicht mehr so gut, Neugier schleicht sich ein. Und vielleicht sogar Zuneigung?

Saskia Luka erzählt in ruhigem Ton und mit großer Liebe für ihre Protagonisten eine Geschichte von Liebe und Verlust, Angst und Nähe. Ihr gelingt eine wahrhaftige Beschreibung von Liebeskummer und auch das Wieder-Vertrauen-fassen ist wohltuend unkitschig dargestellt. „Lass uns noch bleiben“ ist kein klassischer Liebesroman – und trotzdem lesen wir über ein Miteinander, das sich immer mehr wie Liebe anfühlt. Und von Freundschaften, die tragen. Schön!

Kein & Aber Verlag, 978-3-0369-5058-7, € 22,00

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