Die besonderen Empfehlungen dieses Monats - Buchhandlung und Verlag Bornhofen in Gernsheim am Rhein

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Lieblinge des Monats Mai.

Vom 4. Mai bis 12. Mai 2024 ist die Feministische Buchwoche, sie findet zum zweiten Mal statt. Ziel ist es, Bücher von Frauen nach vorne „zu schieben“. In jedem anderen Monat ist es für unsere Buchempfehlungen egal, wer das Buch geschrieben hat, es muss vor allem überzeugen. Wir legen vor allem Wert auf eine Mischung der Themen und Genres.

Im Mai hingegen liegt das Augenmerk ausschließlich auf Büchern von Frauen. Oft sind dann auch „weibliche“ Themen im Fokus – aber das ist kein Kriterium für die Auswahl gewesen. Vor allem muss das Buch überzeugen. Und das taten sie wirklich alle und restlos.

Ella Theiss: Das Darmstädter Mörderliebchen

Im Juni 1847 kommt Gräfin Emily von Görlitz in ihren Gemächern in der Neckarstraße in Darmstadt zu Tode – eine Selbstentzündung, wie die zuständigen Behörden zuerst festhalten. Im Laufe der Wochen und nach einer sehr verspäteten Obduktion gehen sie allerdings von einem Mord aus: Kammerdiener Johann Stauf soll die Gräfin erst aus Habgier getötet und dann Feuer gelegt haben, um den Mord zu verschleiern.

Autorin Ella Theiss erzählt diese Geschichte aus der Sicht von Johann Staufs Verlobter Christina. Den Kriminalfall gab es tatsächlich, das Verfahren und die Verurteilung von Stauf auch - und Christina, die gemeinsam mit ihm ein uneheliches Kind hatte, hatte sicherlich einen schweren Stand im alles andere als weltmännischen Darmstadt. Theiss stellt ihr die Geschwister Büchner an die Seite, allen voran die Frauenrechtlerin Luise Büchner. Außerdem setzt sie diese wahre Geschichte in den historischen Zusammenhang, in den sie gehört: auch in Darmstadt brodelte es und die revolutionären Aktivitäten im nahen Frankfurt sowie die Paulskirche samt Parlament spielen eine wichtige Rolle in diesem Buch.

Ich habe das Buch mit großem Interesse gelesen. Ella Theiss‘ Schreibstil ist süffig, der Inhalt spannend und relevant. Selbst die Zitate aus Gerichtsakten und historischen Unterlagen sind weder trocken noch langweilig, sondern einfach wirklich passend gewählt und hineinverwoben. „Das Darmstädter Mörderliebchen“ ist eine kleine, feine Geschichtsstunde und rundum empfehlenswert. (Dass ich die Autorin für den Herbst zur Lesung eingeladen habe, ist nur naheliegend, oder?)

Gmeiner Verlag, 978-3-8392-0567-9, € 14,00

Becky Chambers: Ein Psalm für die wild Schweifenden

Geschwister Dex bricht die Zelte ab. Nicht, weil die Stadt ein schlechter Ort ist: Sie ist wunderschön mit ihrer geschwungenen Architektur, dem Duft nach frischen Gewürzen und an der Luft trocknenden Wäsche, ihrer Harmonie aus Tätigkeit, Wachstum, Rennen, Lachen. Die Sehnsucht nach Grillengesang, woher sie auch kommen mag, zieht Dex in die Trabantensiedlungen, die sich rund um die einzige Stadt auf Panga befinden. Heraus aus dem Auenkloster, hinein in ein Leben als Teemönch, ständig auf Reisen und mit Auge, Ohr und Seele bei Menschen, die Unterstützung nötig haben. Irgendwann eilt Dex der Ruf, besonders gut zuhören zu können, besonders wohltuende Stunden bereiten zu können, voraus. Doch die Sehnsucht nach Grillengesang, den es auch im geschlossenen System der Trabantensiedlungen nicht gibt, lässt Dex nie los …

„Für alle, die eine Auszeit brauchen könnten“ ist diesem fantastischen Buch vorangestellt. Daran schließt ein Vorwort an, das von Robotern handelt und gleichzeitig einstimmt auf eine Geschichte, die durchdrungen ist von einer Art Religiosität. Becky Chambers erfindet in ihrem Roman eine Welt, die rundum positiv ist und dabei viele Anklänge an das Leben auf der Erde hat. Und trotzdem stellt sich für einzelne Individuen die Frage nach dem gelingenden Leben. Das ist so klug und beeindruckend erzählt und dabei leicht und unterhaltsam zu lesen – ich bin völlig fasziniert und begeistert. Teil zwei liegt jetzt auf meinem SuSch (Stapel ungelesener Schätze) und ich bin wirklich sehr gespannt, ob ich auch hier soviel zum Denken bekomme und immer mal schmunzeln werde. (Ich lese Mehrteiler gerne mit ein wenig Abstand, weil ich finde, der Inhalt muss erst in Ruhe überdacht werden. Außerdem werde ich diesen Verlag sehr genau im Blick behalten!)

Carcosa Verlag, Übersetzung: Karin Will, 978-3-910914-10-0, € 18,00

Mareike Fallwickl: Die Wut, die bleibt

Das fehlende Salz ist der letzte Tropfen … Helene steht vom Tisch auf, geht auf den Balkon und dort einen Schritt zu weit. So beginnt Mareike Fallwickls Buch, das hauptsächlich von zwei Stimmen erzählt wird – der von Helenes fast erwachsener Tochter Lola und der von Helenes bester Freundin Sarah. Beide hätten gedacht, dass sie Helene sehr gut kennen, beide trifft ihr Tod vollkommen unvorhergesehen. Und beide reagieren vollkommen unterschiedlich: Lola kannte Helenes Alltag und die Fallstricke der mütterlichen Zuständigkeit. Sie findet Kameradinnen, Freundinnen, und macht sich mit ihnen auf, dort aktiv zu werden, wo es gegen Frauen geht. Die vier werden zu einer Art solidarischer Kampftruppe. Sarah hingegen sucht nach einem Verständnis des Geschehenen, indem sie Johannes, Helenes Witwer, bei der Versorgung der beiden kleinen Jungs hilft. Denn Johannes scheint das nicht stemmen zu können und das ist ja durchaus verständlich, findet sie. Gerade auch jetzt, wo in der Pandemie das öffentliche Leben sowie die Kindergärten und Schulen nur sehr eingeschränkt funktionieren …

Dieses Buch hat eine wahnsinnige Wucht. Und das, obwohl Mareike Fallwickl nicht ins Detail ausbuchstabiert, was vor sich geht. Jeder Satz, jede Drehung „sitzt“ – wer Verantwortung in der Familie hat (und die muss gar nicht für Kinder sein …) kann nachvollziehen, was Helene fühlte. Und auch, was in Lola und Sarah vorgeht, wie sie reagieren, wie sich die Prioritäten des Lebens verschieben, all das erzählt Fallwickl kompromisslos. Auch wenn Lola und Sarah am Ende des Buches ihre Wege selbstbestimmt und gegen Konventionen wählen – die Wut bleibt.

Das ist keine leichte Kost und sicherlich nichts, was man so nebenbei lesen kann: „Die Wut, die bleibt“ erzählt Frauenleben fast exemplarisch. Das wird mich noch lange beschäftigen.

Rowohlt Verlag, 978-3-499-00912-9, € 14,00

Patricia Cammarata: Musterbruch

Frauen und Männer sind gleichberechtigt – das besagt unser Grundgesetz. Aber wir alle wissen, dass dies eher ein Ziel ist als gelebter Alltag. Und das hat auch damit zu tun, dass unser aktuelles Leben und Denken beeinflusst ist durch das Leben und Denken der Menschen, die vor uns gelebt haben. Sie haben quasi die Weichen gestellt und wenn wir nicht mitsteuern (oder gegensteuern), fahren wir weiterhin in die gleiche Richtung. Dass dieses Steuern für alle wichtig ist und auch alle davon profitieren, das zeigt Patricia Cammarata in ihrem Buch „Musterbruch“.

Die Kapitel-Überschriften lauten von „Wo das Ungleichgewicht nicht herkommt“, „Solidarität als Waffe“, „Familie anders denken“, „Reden lernen“ oder „Stereotype überwinden ist für alle schwer“ bis hin zu „Eigene Standards setzen“. Jedes Kapitel ist einem Bereich der Gleichberechtigung gewidmet, es beginnt mit einer Bestandsanalyse anhand von Statistiken und anderen harten Fakten. Immer kommen auch persönliche Geschichten – nicht nur der Autorin, sondern von sehr vielen ganz unterschiedlichen Menschen – zur Sprache, das macht es sehr angenehm zu lesen. Nach der Bestandsanalyse kommen Änderungsvorschläge; und dann schließt jedes Kapitel mit einer Kurzzusammenfassung ab.

Wir leben tatsächlich ziemlich gleichberechtigt, die Fürsorgearbeit ist gut verteilt, wir haben Bedürfnisse und Bedürftigkeiten sehr wohlwollend im Blick. Und trotzdem habe ich dieses Buch mit großem Erkenntnisgewinn gelesen, denn in vielen Denk- und Handlungsmustern habe ich mich erkannt und kann nun bewusster agieren. Wie hilfreich Cammaratas „Musterbruch“ in weniger gleichberechtigten Beziehungen sein kann, das kann ich mir auch durchaus vorstellen. (Das letzte Kapitel lautet übrigens „Politisch sein“ …)  

Beltz Verlag, 978-3-407-86775-9, € 21,00

Kathrin Schrocke: Weiße Tränen

Lennis Sommerferien sind vorbei und das Schuljahr startet gleich mit zwei Neuheiten: Zum einen kommt Benjamin in seine Klasse, und gibt mit seinen Designklamotten, dem Afro und seiner schwarzen Haut ein ungewöhnliches Bild ab. Und zum anderen wird Lehrer Prasch, den Lenni als seinen Mentor ansieht, nach diesem Jahr in den Ruhestand gehen. Prasch will es darum mit der Theater-AG nochmal so richtig krachen lassen und ein Musical aufführen. Lennis bester Freund Erkan überredet Benjamin, sich der AG anzuschließen, das wäre eine echt coole Truppe. Doch dann kommt alles ganz anders als erwartet …

Kathrin Schrocke wollte ein Buch über Rassismus schreiben – und hat den Rat von Menschen angenommen, die von Rassismus betroffen sind: Sie hat dieses Buch aus Sicht der weißen Mehrheit geschrieben. Erzähler Lenni hat mit Erkan zwar einen besten Freund, dessen Großeltern aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind, merkt aber erst im Laufe des Romans, dass in seinem Kopf und auch in dem seiner Familie trotzdem eine Art Gefälle zwischen Deutsch und weniger Deutsch besteht. Lenni lernt ziemlich schmerzhaft und nicht wirklich freiwillig, dass sein Denken und Handeln rassistisch beeinflusst ist. Das alles ist vollkommen nachvollziehbar erzählt und so in die Geschichte hineinverwoben, dass da kein noch so kleiner erhobener Zeigefinger ist.

„Weiße Tränen“ ist ein großartiges und wichtiges Jugendbuch. Wobei ich es tatsächlich auch allen zum Lesen in die Hand drücken möchte, die dem Jugendalter schon entwachsen sind.

Verlag Mixvision, 978-3-958542-05-1, € 17,00

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