Historisches 2024 - 2020 - Buchhandlung und Verlag Bornhofen in Gernsheim am Rhein

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unsere Historischen Lieblinge in 2024:
Andreas Izquierdo: König von Albanien

Im März 1913 verzeichnet die Salzburger Heilanstalt für Gemütskranke einen Neuzugang: Auf die Station für Unruhige wird Otto Witte eingeliefert, er scheint nicht Herr seiner Sinne zu sein, denn er nennt sich „König von Albanien“. Alois Schilchegger, der zuständige Arzt, wundert sich vor allem über Wittes Können, sein Gegenüber zu verzaubern – die anderen Patienten lauschen gebannt und ruhig jedem Wort. Es dauert nicht lange, bis auch Schilchegger sich auf die Geschichte von Witte einlässt. Und so erzählt Otto Witte von großen Umbrüchen am Bosborus, vom Wunsch Albaniens auf Unabhängigkeit, aber auch von einer hochstapelnden Comtesse und dem Wunsch der Menschen nach Helden …

Die ersten fünfzig Seiten, auf denen vom Alltag in einer Irrenanstalt erzählt wird, sind harter Tobak – man hofft schon sehr, dass die Medizin sich in hundert Jahren massiv verbessert hat. Doch schon da begeistert Otto Witte, gleichzeitig Charmeur, Abenteurer und Menschenfreund, uns Leser*innen. Mit der eigentlichen Geschichte, die in Konstantinopel beginnt, zog mich Andreas Izquierdos Buch völlig in seinen Bann: Bildhaft und humorvoll erzählt er in seinem Schelmenroman von einem, der sich sein Glück selbst zusammenschmiedet und dabei in die Mühlen der Weltgeschichte gerät. Tolles Buch!
Andreas Izquierdo kommt am Montag, 22.04.24 um 19 Uhr zur Lesung nach Gernsheim – save the date.

Dumont Buchverlag, 978-3-8321-6692-2, 15,00 €

Ella Theiss: Das Darmstädter Mörderliebchen

Im Juni 1847 kommt Gräfin Emily von Görlitz in ihren Gemächern in der Neckarstraße in Darmstadt zu Tode – eine Selbstentzündung, wie die zuständigen Behörden zuerst festhalten. Im Laufe der Wochen und nach einer sehr verspäteten Obduktion gehen sie allerdings von einem Mord aus: Kammerdiener Johann Stauf soll die Gräfin erst aus Habgier getötet und dann Feuer gelegt haben, um den Mord zu verschleiern.

Autorin Ella Theiss erzählt diese Geschichte aus der Sicht von Johann Staufs Verlobter Christina. Den Kriminalfall gab es tatsächlich, das Verfahren und die Verurteilung von Stauf auch - und Christina, die gemeinsam mit ihm ein uneheliches Kind hatte, hatte sicherlich einen schweren Stand im alles andere als weltmännischen Darmstadt. Theiss stellt ihr die Geschwister Büchner an die Seite, allen voran die Frauenrechtlerin Luise Büchner. Außerdem setzt sie diese wahre Geschichte in den historischen Zusammenhang, in den sie gehört: auch in Darmstadt brodelte es und die revolutionären Aktivitäten im nahen Frankfurt sowie die Paulskirche samt Parlament spielen eine wichtige Rolle in diesem Buch.

Ich habe das Buch mit großem Interesse gelesen. Ella Theiss‘ Schreibstil ist süffig, der Inhalt spannend und relevant. Selbst die Zitate aus Gerichtsakten und historischen Unterlagen sind weder trocken noch langweilig, sondern einfach wirklich passend gewählt und hineinverwoben. „Das Darmstädter Mörderliebchen“ ist eine kleine, feine Geschichtsstunde und rundum empfehlenswert. (Dass ich die Autorin für den Herbst zur Lesung eingeladen habe, ist nur naheliegend, oder?)

Gmeiner Verlag, 978-3-8392-0567-9, € 14,00

unsere Historischen-Lieblinge in 2022:
Joachim B. Schmidt: Tell

Die Geschichte von Wilhelm Tell und dem Apfelschuss – die kennt eigentlich jeder, spätestens seit Schillers Drama. Tell wird als charismatischer Anführer dargestellt, der für sein Überleben, für die Freiheit der Schweizer, das Unmögliche schafft, eine gewisse Hochachtung vor Mut und Wagemut schwingt mit.
Joachim B. Schmidt hat der Sage eine ganz andere Drehung gegeben: Sein Tell ist ein Eigenbrötler, im Ort verlacht, in der eigenen Familie eher unverstanden und von Sohn Walter gefürchtet. Er will vor allem die eigene Familie durchbringen, und wenn das bedeutet, wildern zu gehen, ist ihm das sehr recht – er findet, die Berge haben Gesetze jenseits der Menschen. Sein Antrieb ist keinesfalls die Befreiung von den Habsburgern. Und doch stattet der Autor ihn mit nachvollziehbaren Beweggründen hinsichtlich der Schweizer für diesen Apfelschuss aus … Vogt Gessler hingegen ist bei Schmidt eigentlich ein gerechter Mann. Beide können nicht aus ihrer Haut und haben den Umständen nichts entgegenzusetzen.

In kurzen, schnellen Sequenzen erzählt, legt dieses Buch Machtstrukturen offen – und wie schwer es ist, dem eigenen Gewissen gerecht zu werden. Das ist hochspannend zu lesen und unglaublich aktuell.

Diogenes Verlag, 978-3-257-07200-6, € 22,00

Astrid Keim: Das verschwundene Gold

Es gab ihn wirklich, den Fettmilch-Aufstand im Frankfurt des beginnenden siebzehnten Jahrhunderts. Benannt ist er nach dem Bäckermeister Vincenz Fettmilch, der der Wortführer war – aber er war keineswegs alleine mit seinem Ansinnen: Die Rechte der freien Bürger in Frankfurt so stark zu machen, wie sie es Jahrzehnte vorher waren. Denn sie hatten es schwer, der Rat der Stadt änderte die Regeln stets zu seinen Gunsten. Die Steuern stiegen, den (hohen) Preis fürs Korn legten die Herrschaften im Römer fest. Und jetzt mussten auch noch die Krönungsfeierlichkeiten von Kaiser Mathias bezahlt werden. Ein weiterer Grund, die Abgaben aufzustocken. Mit Fleiß ließ sich das nicht mehr ausgleichen und obwohl die Zinsen in der Judengasse hoch waren, hatte mittlerweile fast jeder dort Schulden …

Astrid Keim beschreibt Vincenz Fettmilch nicht als großen Aufrührer und schon gar nicht als Judenfeind – obwohl im Laufe des Aufstands die Bürger die Juden gewaltsam vertrieben haben. Sie hat die vorhandenen Fakten genau studiert, darauf basiert ihr Bild eines durchaus abwägenden, ruhigen Mannes, der zum Anführer wird, weil er Schlimmes verhindern will. Der daran scheitert und, gemeinsam mit fünf anderen, dafür sein Leben lässt. Ihr historischer Roman ist ein hochinteressantes Stück Stadtgeschichte und spannend geschrieben ist er außerdem!

Abacus Verlag, 978-3-86282-730-5, € 14,00
unsere Historischen Lieblinge in 2020:
Außergewöhnlich

Sebi passt nicht wirklich hierher. Nicht auf den Bauernhof, nicht aufs Feld. Er ist zu klein und zu schmächtig, ein Träumer. Die beiden Brüder wissen das, die Mutter auch – doch was soll man machen, er ist noch zu jung fürs Kloster und zumindest fürs eigene Essen muss er schon sorgen. Außerdem hilft er dem Totengräber, auch wenn das offiziell niemand wissen darf. Als ein geheimnisvoller Neuer ins Dorf kommt, Halbbart genannt, weil die eine Hälfte seines Gesichtes nur aus Brandnarben besteht, freundet Sebi sich mit ihm an. Trotz oder gerade weil niemand aus dem Dorf dem Halbbart wirklich traut. Und nach und nach wird aus Sebi ein junger Mann. Der ins Kloster gehen kann – dort aber doch auf keinen Fall bleiben will. Was soll werden?

Bauernhof III hätte zu diesem Buch nicht gepasst. Auch wenn Sebi, der Ich-Erzähler mit dem kindlichen und doch erstaunlich weisen Tonfall, auf einem Bauernhof lebt. Charles Lewinsky hat mit Sebi und dem Halbbart zwei außergewöhnliche Figuren erschaffen, mit deren Hilfe wir einen erstaunlichen und großartigen Einblick ins ausgehende Mittelalter, in Gebräuche und Lebenswirklichkeiten in einem kleinen Dorf in der Schweiz bekommen. Dabei gelingt es Lewinsky, nicht zu romantisieren. Aber auch wenn Kriege, Missgunst, Gewalt und Barbarei benannt und erzählt werden – ein Hauch Magie und viel Menschlichkeit bestimmen den Tonfall. Ein großer Lesegenuss!

Charles Lewinsky: „Der Halbbart“, Diogenes Verlag, 978-3-257-07136-8, € 26,00

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